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„Stirbt das Lamm, stirbt die Natur“

Wenn man ihn so ansieht, dann spürt man eines sofort: die Ruhe, die er ausstrahlt. Und die ist für seine Arbeit auch zwingend notwendig.

Daniel Stock ist Schäfer

Am Rande des Landkreises in Heßlingen, das früher zur alten Grafschaft Schaumburg gehörte, betreibt er im Vollerwerb eine Schafzucht mit 900 Tieren – eine Seltenheit. Nur noch wenige hauptberufliche Schäfer gibt es in der Region. Und das hat seine Gründe. Zu arbeits- und zeitintensiv ist dieser Beruf und wirkt in unserer schnelllebigen Gegenwart wie aus der Zeit gefallen. Wirtschaftlich sei das Ganze ohnehin nicht, gesteht der der 40-Jährige: „Vom Mindestlohn bin ich weit entfernt, wenn ich Zeit, Kosten und Gewinn zusammenrechne.“ Es sei eben eine Passion. Gepackt habe diese ihn schon mit gerade einmal zehn Jahren, als er sein erstes Mutterschaf bekommen hat und damit sukzessive anfing, seine Herde zu erweitern.

Seine Motivation für den Beruf des Schäfers beziehe Stock auch aus der höheren Bedeutung, die er mit seinen weidendenden Schafen bezwecke. Es gehe ihm nämlich auch um Naturschutz und den Erhalt der historisch gewachsenen Kulturlandschaft, wie er deutlich macht. Auf den rund 120 Hektar Fläche, auf denen seine Merinoland- und Schwarzkopf-Rassen grasen, komme es nämlich nicht zur Verbuschung der Flächen. Denn gerade in den steilen Hanglagen des Weserberglandes sei ein mechanischer Grasschnitt überhaupt nicht möglich – diese Aufgabe übernehmen die Tiere, erklärt Stock. Ohne sie würden auf den Weiden dann statt Gras schnell buschartige Pflanzen dominieren, die mit einem erheblichen Schattenwurf einhergingen. Der Lebensraum von teils geschützten und stark angepassten Tieren wäre dort verschwunden, artenreiches Grünland minimiert. „Es ist nicht übertrieben zu sagen: Stirbt das Lamm, stirbt die Natur“, fasst der Schäfer die Bedeutung der Weidehaltung zusammen. Auch würden die Schafe als natürliche Düngelieferanten fungieren, wovon wiederrum die Insektenwelt stark profitiere.

Bauchschmerzen bereite es Stock in der letzten Zeit aber vermehrt, wenn er an die zunehmende Ausbreitung des Wolfes in Niedersachsen denken müsse. „ Meine Schafe sind ein dankbares und einfaches Ziel für den Wolf“, grübelt der Schäfer mit betretener Miene. „Ich hoffe sehr“, sagt Stock, „dass sich der Wolf hier kein Revier sucht“. Sonst könne es sein, dass er öfter mal verletzte oder tote Tiere beim Betreten der Weiden vorfinde – so wie das in anderen Regionen Niedersachsens bereits regelmäßig der Fall ist.

Unabhängig von den zukünftigen Problemen durch den Wolf wünscht sich der Heßlinger eine deutlich stärkere Unterstützung. Zum einen durch eine Einführung einer Weideprämie, die die Politik als „Mutterschaftsprämie“ abgeschafft hatte. Und zum anderen auch durch mehr Verständnis durch seine Mitmenschen, sollte es mal fünf Minuten dauern, bis die Tiere von der Straße auf die Weide getrieben wurden.

Dem passionierten Schäfer und unserer Natur jedenfalls wäre es nur zu wünschen, wenn die Weidetierhaltung erhalten bliebe. Text/Foto: wi